Der Geist im Feuertanz
Geistliches Wort vom 18.05.2013
Das Feuer ist ein faszinierendes Element unserer Welt. Wie das Wasser spendet das Feuer Leben und hat zugleich eine unglaubliche Vernichtungskraft. Das Feuer spendet Licht, wärmt in der Kälte. Das Feuer spendet Gemeinschaft, wenn am Lagerfeuer Menschen zusammenkommen und erzählen. Allein das Betrachten der Flammen hat magischen Charakter. Die Flammen leben, sie sind kurz und werden lang. Sie tanzen frenetisch in der Dunkelheit. Nichts und niemand vermag diesen Feuertanz zu bändigen oder zu halten. Es ist wie ein eigenes Leben, wie undefinierbare Einzelwesen, die einem unsichtbaren Choreograph folgen und gehorchen. Jede Bewegung der Flamme ist einzig, unwiederholbar. Die Flamme entwickelt sich immer neu. Kein Bild der Langeweile, sondern eine nie unterbrochene und immer werdende Schöpfung. Der Kern der Flamme ist gewaltig heiß und ermöglicht die Erhaltung der Flamme mit ihrem tanzenden Geist.
Von einem ähnlichen glühenden Geist ist die Rede in der Pfingsterzählung, als die Jünger Jesu eine besondere Erfahrung machen, die sie in Begeisterung zur Verkündigung der Osterbotschaft versetzt. Es ist wie ein Vulkanausbruch, glühend heiß, und nicht zu halten. In großer Freude sprechen die Jünger: "Jesus ist auferstanden. Der Tod ist besiegt. Eine neue Zeit beginnt."
Pfingsten ist etwas anderes als nur ein verlängertes Wochenende. Viel mehr ein Fest der Freude, der Hoffnung und der Befreiung. Freude, weil das Leben siegt und der Tod keine endgültige Macht hat. Hoffnung, weil der Botschaft Jesu folgend die Welt sich zum Guten mit einer neuen Menschlichkeit verändern kann. Befreiung, weil der Mensch die alten Gewohnheiten ablegen kann, da er seine Würde wieder erfahren hat.
Die Jünger erleben eine echte innere Befreiung, weshalb sie Türen und Riegel reißen und voller Begeisterung von der Osterfreude sprechen. Es ist ein Aufbruch des Lichtes in einer dunklen Zeit. Die Angst lähmt nicht mehr. Die Jünger lenken die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Botschaft der Freude, des Lebens und der Hoffnung in einer Zeit, gekennzeichnet durch Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung der Armen, Kollaboration und Korruption mit den Mächtigen. Nicht viel anders ist es in der heutigen Gesellschaft, geprägt von Neoliberalismus, von freier Marktwirtschaft und Globalisierung. Auch wir brauchen das Licht, die Kraft des Geistes im Feuertanz.
Der Geist des Lebens bewegt die Menschen, schlägt die Schranken nieder, führt furchtlos auf notwendige Änderungen in Leben und Gesellschaft hin. Er bewegt die Menschen aufeinander zu, nicht mit geballten Fäusten, sondern mit offenen Armen. Wissen wir noch von der Freude und von dem Geist, die uns in den Oktobernächten überwältigte, als die Grenzen zwischen West- und Ostdeutschland niedergerissen wurden? Wissen wir noch von der Wärme in den Begegnungen in Berlin am Alexanderplatz? Eine helle Begeisterung ließ damals die Menschen zu Brüdern und Schwestern werden. So können wir uns ein Bild dessen machen, was Pfingsten für Christen bedeuten soll: Freiheit und Freude. Statt dessen gelten allzuoft Unmut und Resignation. Wir brauchen dringend den Tanz des Feuers, die Kraft des Geistes, der unser Glauben und unsere Hoffnung wieder in tanzenden Flammen versetzt, sonst bleiben wir nur Asche, dort wo einst Leben war.
Nicht länger warten sollen wir, sondern es wagen, Brandstifter der Liebe und der Hoffnung zu sein.
Nicht weiter zögern sollen wir, sondern Türen und Fenster nach dem finsteren Winter der letzten Jahre in der Kirche öffnen und erfrischende Luft des Geistes Gottes walten lassen.
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach




