Geistliches Wort vom 27.06.2015
Geistliches Wort vom 27.06.2015
Schon die Alten haben den längsten Tag und die kürzeste Nacht im Jahr gefeiert. Da hatten die Menschen noch die Zeit, die Natur und ihre Rätsel zu hinterfragen, und sich zu wundern, ohne sie zu verstehen. Heute wird auf die Sekunde genau verkündet, wann die Sonne auf- und untergeht. Wir verstehen vieles, aber können uns kaum noch wundern. Daß es im Jahr ein ganz langer Tag und eine ganz lange Nacht gibt, hat die Menschen seit geräumter Zeit veranlasst, diese Ereignisse mit besonderen Riten zu zelebrieren. Es war die Zeit, als der Mensch noch eins mit der Natur war, nicht wie heute in der Unruhe und in der Aktion, sondern durch die Beobachtung und die Kontemplation. Es entstanden heidnische Bräuche, die interessante Weise im Sommer wie im Winter mit Licht und Feuern zu tun hatten. Um den 21. Juni werden große Feuer, möglichst auf einer Anhöhe, von allen und überall sichtbar, angezündet. Das ist die Sommersonnenwende, begrüßt durch das sog. Johannisfeuer. Um den 21. Dezember feiern wir das Licht mit Kerzen. Schließlich brennt das Licht an der Krippe und an dem Christbaum. So werden im Jahr zwei Feste gefeiert, an dem höchsten und an dem tiefsten Punkt der Sonne am Himmel. Es sind Tage, die in beiden Fällen vom Feuer gekennzeichnet sind.
Daß diese uralten Bräuche von den ersten Christen übernommen wurden liegt auf der Hand. Sie wurden umgedeutet: nicht mehr zur Verehrung der Sonne in ihrem immer wiederkehrenden Lauf über der Zeit, sondern zur Andeutung des kommenden Messias in Jesus Christus und zum Feiern seiner Ankunft.
Am höchsten Punkt der Sonne am Himmel wird verkündet, daß das Licht zur Rettung der Menschen ankommen wird. An ihrem tiefsten Punkt finden wir die Geburt Christi – Licht und Retter der Menschen – unter uns. Ab dann werden die Tage länger: das Licht siegt über die Finsternis. Die Verheißung einer Hoffnung und die Vollendung dieser Erwartung stehen einander gegenüber.
In diesen Sommertagen herrscht das Licht noch am Spätabend, wo sonst im Jahr bereits dunkel ist. „Und das Licht leuchtet in der Finsternis (...) Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht.“(Joh 1, 5-7). So wird das Licht durch Johannes, den Täufer am Jordan angekündigt. „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. (...) Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“(Joh 1, 9.14). Das ist Weihnachten.
Wir brauchen Licht in unserem Leben. Wir brauchen Klarheit in unseren Gedanken. Die Dunkelheit ist Quelle der Unsicherheit, sie gehört zu den Urängsten der Menschen.
„Ein Licht leuchtet in der Finsternis“ – Aus einer heidnischen Tradition entsteht eine Botschaft der Hoffnung: das wahre Licht ist uns angekündigt, das erst in den dunkelsten Wintertagen kommen wird.
Immer wieder wechseln in unserem Herzen das Licht und die Dunkelheit, die Hoffnung und die Verzweiflung, das Gute und das Verwerfliche. Das Licht auf dem Hügel, das zum Johannistag brennt, verkündet, daß die Hoffnung, ja das Leben selbst, nicht zugrunde geht, sondern daß die Dunkelheit durch das Licht verdrängt wird.
„In der Welt seid ihr in Bedrängnis, aber hat Mut: Ich habe die Welt besiegt“, spricht Jesus (Joh 16,33). Es gilt auch zu verstehen: “Ich habe die Finsternis besiegt“.
Die Christen feiern das Leben und das wahre Licht in der Ankündigung des Gottes Heils und in der Gegenwart dieser Verheißung.
Das Feuer am Johannistag verkündet die Ankunft dessen, der das wahre Licht ist: Jesus Christus. Es macht die Dunkelheit in unseren Herzen zunichte. Das soll von weither gesehen werden, wie eine Fröhliche Botschaft, die von Ort zu Ort Freude und Hoffnung ankündigt.
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach




