Geistliches Wort vom 15.11.2014
Geistliches Wort 15.11.2014
Wo ist Ihr Platz?
„Bitte nehmen Sie Platz“ – So beginnt ein Gespräch, beim Arzt oder bei einer Vorstellung für eine neue Arbeitsstelle. Andere Töne klingen weniger erfreulich: “Machen Sie Platz!“ als Aufforderung, den Platz zu räumen. Zugleich deutet das gleiche Wort auf einen Ort der Begegnung zwischen Menschen, dort eben wo jeder seinen Platz findet, so z.B. auf dem Marktplatz. Hier finden Menschen zusammen, tauschen miteinander aus, zeigen, was sie an Waren haben und was sie mit ihrem Handwerk können.
Der Platz kann auch immateriell gemeint sein. „Du nimmst in meinem Herzen einen großen Platz ein“, so wenn wir jemanden lieben bzw. hochschätzen. D.h. ich trage dich in mir; dort im Herzen begegnen wir uns. Oder Geschehnisse haben eine so große Bedeutung, daß sie ihren Platz in der Geschichte haben, wie der vor kurzem gefeierte Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands. Der Platz, Ort der Hoffnung wie in Berlin der Alexanderplatz, oder Ort des Schreckens wie der Sammelplatz von Auschwitz.
Wo ist denn unser Platz? In der Gesellschaft, im Berufsleben, im Herzen von Mitmenschen? Anders formuliert: Wo stehen wir heute und wie geht es mit uns weiter? Es tut gut zu hören: “Schön, daß es dir gibt“. Und wie schrecklich, wenn abweisend der Ruf erklingt: „Du hast hier keinen Platz!“
Immer wieder geht es um Begegnung mit Menschen, aber auch um die Begegnung mit uns selbst. Es geht um einen Treffort, wo wir neue Orientierung suchen und neue Entscheidungen vereinbaren. Jeder will sich einen Platz an der Sonne schaffen, sich weit und breit machen, und nicht selten auf Kosten von anderen. Da wird keine Konkurrenz geduldet, die Schatten für einen macht. Andererseits verliert die Gesellschaft an Geist und Inhalt, wenn sie eine Sammlung von einzelnen Egoisten wird und nicht genug Entfaltungsmöglichkeiten für jeden bietet. Ein Blick in das Stadtleben genügt, um sich ein Bild zu verschaffen, wieviele im Alltag ausgeschlossen werden und an Würde verlieren, ihren Platz nicht haben, auch nicht finden. Damit stellt sich die Frage, wieviel Freiraum lassen wir anderen zu. Leider wird der angebotene Freiraum nicht immer an-genommen. Es ist schmerzhaft festzustellen, daß manche ihren Platz nicht richtig finden wollen und ausschließlich eine Gemeinschaft kultureller und gleichsinniger Art suchen, eher Ghettos in Sprache und Kultur bilden, anstatt einem echten Integrationsprozeß einzugehen. Heute dürfen wir nicht vergessen, daß selbst kleine Gemeinden mit dieser Situation konfrontiert werden, wenn ihnen Flüchtlinge aus dem Nahosten zugewiesen werden. Können diese Menschen bei uns einen Platz finden? Werden Sie das Angebot ernsthaft annehmen? Es bleibt zu wünschen, daß die Menschen auf der Flucht hier eine Atempause erfahren, die Angst überwältigen, den Frieden schätzen und neue Kräfte für einen neuen Anfang finden.
Die Bibel kennt solche Situationen. Sie schildert, wie die Verhältnisse zwischen den Menschen untereinander und mit Gott sind. Sie verleugnet nicht, daß in Krisensituationen der Mensch heldenhaft wie auch egoistisch reagiert. Gott muß zur Besinnung mahnen: “Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten (...); denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ (Lev 19, 34): Vor knapp 70 Jahren gab es die Kriegsflüchtlinge, die in einer ähnlichen Situation waren, verfolgt, gejagt, mißhandelt. Heute kommen sie vom weiten: verfolgt, gejagt, gemordet. Werden sie bei uns einen Platz finden? Selbst auf Zeit begrenzt? Der Platz im Leben und im Herzen ist offen, auf dem wir uns bewegen. Auf diesem Platz gibt es genug Raum, für anderen und für uns. Haben Sie Ihren Platz für die nächste Zeit gefunden?
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach




