Geistliches Wort vom 24.10.15
Geistliches Wort vom 24.10.15
In Rom tagt der Synode der katholischen Bischöfe über Ehe und Familie. Manche von uns mögen sich wundern, dass diese Themen von Männern diskutiert werden, die weder Ehe noch Familienleben kennen. Und doch hilft ein gewisser Abstand, um Probleme zu erkennen und Lösungswege zu finden. Dass allein die Dogmen diese brisanten Fragen der Menschen lösen können, davon sind wir heute in den Meinungen weit entfernt. Manche Monsignoren denken noch, durch Paragrafen im juristischen Kirchencodex und durch Einhaltung einer uralten Tradition des Ehe- und Familienlebens die alten Gesetze aufrecht zu erhalten. Sie vergessen, dass die Welt von heute anders als vor hundert Jahren ist. Was sagen wir zu einem Mann, dessen Frau Ehebruch öfters begangen hat? Wie stehen wir zu einer Mutter, die mit ihren Kindern allein gelassen wurde, weil der Ehemann sich einer jüngeren, attraktiven Frau zugewandt hat und so „sich verwirklichen“ will? Gibt es keine Möglichkeit mehr für einen neuen Anfang für die im Stich gelassenen Menschen? Wo bleibt die Barmherzigkeit, wenn Menschen nur noch mit Scherben in ihrem Leben ringen müssen, ohne die Hoffnung auf einen neuen Beginn?
Neue Wege müssen möglich sein, die von der berufenen Synode der Bischöfe definiert werden sollen. Der Geist der Erneuerung, der Geist der neuen Wege wie vor 50 Jahren im 2. Vatikanischen Konzil fehlt und scheint noch nicht erneut entdeckt worden sein. Der Geist, heutige Gesellschaftsfragen mit offenen Augen, vor allem mit breit offenem Herzen, anzugehen ist noch nicht vernommen worden.
Heißt es, dass die katholische Kirche sich stets dem Zeitgeist anpassen muss? In der Form gewiss nicht, denn sonst wäre sie mit ihrer Verkündigung keine Referenz mehr. Die christliche Botschaft ist aber deshalb eine Referenz, weil sie eine Wahrheit des Lebens verkündet. Es ist die Wahrheit der Menschenwürde, der Hoffnung und der Liebe.
Es ist eine Botschaft der Ethik zum Schutz des Lebens und des Lebensraums. Papst Franziskus hat als erster Papst in seiner Enzyklika „Laudato si“ ein Plädoyer für die Bewahrung der Schöpfung mit dem Menschen in ihrer Mitte formuliert. Er machte seine erste Reise bei den Flüchtlingen in Lampedusa. Papst Johannes Paul II war nicht müde, über die Würde des Menschen und die Achtung des geborenen Lebens zu sprechen. Hier werden neue Wege eingeschlagen, weil die Dogmen nicht in dem Vordergrund stehen, sondern das Herz. Barmherzigkeit geht vor den Paragrafen. Die Amtsträger in den Kircheninstitutionen werden die Erwartungen für eine neue Haltung bezüglich Ehe und Familie, Berufswelt und Multikulti-Gesellschaft nicht halten können.
Menschen suchen nach Antworten zu ihren Problemen. Sie suchen Lösungen für ihre Sorgen in der heutigen Gesellschaft mit immer schwierigeren Verhältnissen.
Vertraut den neuen Wegen spricht ein Kirchenlied. Neue Wege sind dringend vonnöten, wenn der Ehe und der Familie eine so große Bedeutung beigemessen wird. Beide müssen gestärkt, geschützt, aufgewertet werden. Zugleich tragen wir als Christen die Verantwortung, neue Wege für einen neuen, menschenwürdigen Beginn nach einem Scheitern im Leben aufzuzeichnen. Auf Basis einer verlorenen Hoffnung und eines zerstörten Vertrauens kann kein neues Leben sich entfalten. Neue Perspektiven für ein neues Leben, neue Hoffnung für einen neuen Beginn mögen von der Bischofssynode gewagt werden.
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach




