Das Brot der Einheit
Geistliches Wort 08.08.2020
Dem Morgen vertrauen
Was haben Sie morgen vor? Eine Rede-wendung sagt: Lass es erst heute werden, morgen ist ein anderer Tag. Wir sollen uns dennoch heute um den morgigen Tag kümmern. Ich muss zugeben, dass das Heute ganz unsicher geworden ist, und damit auch der Morgen. Nichts ist von der heiteren Stimmung im letzten Sommer geblieben. Mit der Corona-Welle ist alles anders geworden, und dies auch weltweit. Es gibt keine Ausweichmöglichkeit. Strenge Hygiene-Maßnahmen sind ernst zu nehmen und dringend zu befolgen. Davon hängt unser Morgen ab, wie bedacht unsere Begegnungen heute erfolgen. Manche beklagen die Einschränkungen, andere sprechen von Verschwörungstheorien, eine unverantwortliche Minderheit hat sich von allen Zwängen selbst freigesprochen. Doch bleiben Prognose für das kommende Jahr ein Wagnis.
„Seht, ich mache alles neu!“. Diese Bibelworte aus dem Buch der Offenbarung, die oft bei Beerdigungen gesprochen werden, haben in unseren Tagen eine besondere Brisanz. „Was vorher war, ist vergangen. (…) Seht, ich mache alles neu.“ (Offb 21, 4-5). Das zu beweinen, was vergangen ist und nicht mehr so wie früher erfahren werden kann, führt in eine Sachgasse. Heute gilt für Morgen die Hoffnung auf einen neuen Anfang mit neu überlegten Zielen. Heißt es, dass wir mit Geduld oder Resignation darauf warten sollen, dass das Neue uns in den Schoß gelegt wird? So einfach und bequem ist es auch nicht gemeint. Der Herrgott allein wird unseren Morgen ohne uns nicht gestalten wollen. Er nimmt uns in die Verantwortung und lädt uns ein, an das Werk der Schöpfung mitzuwirken: „Seht, ich mache alles neu“, … aber bitte schön mit Euch allen.
Die vielen, die Rücksicht auf ihre Mitmenschen nehmen und sie schützen, und die vielen, die in Forschungslaboren nach wirksamen Impf-stoffen suchen, auch diejenigen, die nach nachhaltigen Energiequellen forschen, haben an dieser Mitgestaltung bereits Anteil.
Die schwierigen Monate, die wir erleben, verdeutlichen die großen Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern auf dieser Erde. Sie zeigen, wie anfällig die politischen Systeme sind, und wie prekär die Versorgungsketten, die globalisierte Wirtschaft und die Gesundheitspolitik auf der Welt sind. Ein neues Umdenken in vielen Bereichen ist vonnöten. Oft ist zu lesen, dass das 19. Jahrhundert mit dem ersten Weltkrieg zu Ende gegangen ist: die alte Welt und die bis dahin gültige Weltordnung brachen zusammen. Ähnlich ist es heute: Das 20. Jahrhundert geht erst jetzt zu Ende. Wir erleben ein Versagen bzw. eine deutliche Schwächung der bisherigen Strukturen. Wir erkennen Grenzen an der Globalisierung und die Zerbrechlichkeit der liberalen Wirtschaftssysteme. Es herrschen Ungewissheit und Unsicherheit darüber, wie es weitergehen soll. Die EU-Länder sind oft uneins, aber sie bemühen sich, gemeinsam Lösungen zu finden. In diesem Tumult erklingt eine höhere Stimme, die Mut macht: „Alles ist vergangen. Seht, ich mache alles neu“. Ja, alles ist vergangen, aber nichts ist verloren!
Ich glaube an einen neuen Morgen der Menschenwürde und der Solidarität, weil ich in meinem Herzen auf die Hoffnungsworte Gottes höre: „Fürchtet Euch nicht. Habt Vertrauen, denn ich bin bei Euch.“
Und Sie, wie sehen Sie den nächsten Morgen?
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach




