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Geistliches Wort

 

Geistliches Wort vom 02.10.2021

Danke, ein schwieriges Wort

Zu den ersten Worten, die von einem kleinen Kind gelernt werden, gehören zweifelsohne: Bitte und Danke. Sie regeln von Anfang an die zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie sind eine wichtige Grundlage der sozialen Kommunikation. Und doch wie unterschiedlich sind sie in der Praxis! Bitten, das können wir gut, denn wir sind in der Erwartungshaltung, etwas zu bekommen, wofür wir gebeten haben. Aber danken! Das Wort bleibt noch allzu oft unausgesprochen, weit in uns verdrängt.
Das magische Wort „Danke“, wenn es nicht zum Automatismus geworden ist und unüberlegt ausgesprochen wird, drückt was besonders aus, nämlich die Anerkennung für eine Güte, die uns umsonst erwiesen ist. Das ist der Dank für das Geburtstagsgeschenk, für eine freundliche Einladung, für eine Hilfe, für einen Rat oder ein gutes Gespräch.
„Warum soll ich dir danken, du hast es mir gegeben?“ Die Frage habe ich vor langer Zeit von einem Kind hören müssen. Ja, warum und weshalb danken, wenn es deine Entscheidung war, mich zu beschenken? Deshalb, liebes Kind, weil das Dankeswort von der Freude spricht, die du erfahren haben sollst, als ich dir das Geschenk überreichte, und du schenkst mir mit deinem Dank diese Freude zurück.
Das Wort „Danke“ ist deshalb so schwer auszusprechen, weil wir als Beschenkte zugunsten des Schenkenden zurücktreten müssen, der somit den vorderen Platz belegt, den wir so gerne für uns selbst suchen. Es ist ein Zeichen der Geistesgröße, der Freude und zugleich der Demut. Danke drückt Respekt für den Anderen aus, der uns einen Dienst der Anerkennung erwiesen hat. Das sind Werte, die unsere moderne Gesellschaft nicht verlieren darf.
Es gibt viele Gründe zu danken. Oktober ist durch die Ernte und durch die Feierlichkeit der Deutschen Einheit dem Dank gewidmet.
Die Menschen danken für die Früchte der Natur und der menschlichen Arbeit. Jahr für Jahr haben wir bei uns genug an Getreiden, Gemüsen, Obst. Dafür danken wir am Erntedank, dass die Mutter Erde uns noch ausreichend ernähren kann. Das ist überall in der Welt leider nicht so. Der Hunger, die mangelhafte Ernährung, die wilde Zerstörung von Wäldern und die Verseuchung der Meere sind für alle eine große Sorge.
In diesen Tagen danken wir auch dafür, dass die Spaltung Deutschlands vor dreißig Jahren in die Wiedervereinigung friedlich, ohne Blutvergießen mündete. Die Einheit lässt sich in Zeiten von Nöten und Katastrophen, wie vor kurzem erlebt, mit einer beispielslosen Solidarität konkret erweisen.
Aber wem danken, wenn es nicht ganz in unseren Händen liegt. Wem danken für die Sonne und für den Regen zu vernünftigen Zeiten? Wem danken für die Schönheit der Natur, für die Pracht einer Blume? Wem danken für eine gute Freundschaft, auch für die Liebe?
Gläubige Menschen danken den Himmel für das Gute, das sie erfahren. Christen, Juden und Moslems danken auf ihrer Weise Gott, dem Schöpfer aller Dinge, für all diese Gaben. Denn trotz fleißiger Arbeit muss der Mensch erkennen, dass er nicht alles aus eigener Kraft erhalten kann, wie er es gerne hätte. Dieser Anteil ist das Geschenk Gottes.
Wer danken kann, wird doppelt beschenkt, denn er ist mit seinem Dankeswort um einen Freund reicher geworden.
 
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach