Gedanken zum 1. Mai
Geistliches Wort vom 30.04.2016
Gedanken zum 1. Mai
Der erste Tag im Monat Mai ist mit dem ersten Tag im Neujahr und mit dem Tag der Deutschen Einheit Anfang Oktober ein gesetzlicher Feiertag, der kein christliches Fest als Grundlage hat. Das ist bemerkenswert, denn alle anderen Feiertage finden sonst ihren Ursprung im christlichen Glauben.
Am 1. Mai wird die Arbeit als ein existentieller Lebensinhalt der Menschen gewürdigt, der geschützt und entsprechend gerecht honoriert werden muss. Der Wunsch aller Menschen ist wohl, eine sichere Arbeitsstelle nach der Ausbildung bzw. nach dem Studium zu finden und dafür einen gerechten Lohn zu erhalten. Erst dann kann die Zukunft mit Hoffnung geplant werden.
Wo die Arbeitsperspektive nicht vorhanden ist, wo die geleistete Arbeit nicht gerecht bezahlt wird, wo die vorhandene Arbeit prekär und auf begrenzter Zeit verteilt wird, kann das Leben sich nicht voll entfalten. Unsichere Arbeitsverhältnisse gefährden unmittelbar die Struktur einer Gesellschaft. Menschen, insbesondere die Jugendlichen, werden für extremistische Parolen wie auch für menschenverachtende Ideologien schnell zugängig. Andererseits sehen Ältere ihre Existenz gefährdet, wenn durch die Arbeitslosigkeit keine neue Anstellung aufgrund ihres Alters möglich ist. Unbarmherzigkeit, Missachtung, Ausnutzung der Menschen sind die Folgen der ständigen Gewinnmaximierung. Sie sind gerade keine christlichen Glaubenswerte und mit den Worten Jesu nicht zu vereinbaren, der uns sagt: „Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“ (Mt 6,24) und „Sammelt auf Erde keine Reichtümer, die rosten und von den Motten gefressen werden“ (Mt 6,19).
Ist es nicht zum Himmel schreiend, wenn einem Konzernvorstand Geldsummen in Millionen Höhe bezahlt werden, dafür aber Menschen um ihren Arbeitsplatz bangen müssen, weil sie „wegrationalisiert“ werden? Ist es nicht abstoßend, wenn Konzerne zerschlagen und mit Mann und Maus verkauft werden, wenn die Arbeit in Billiglohnländern verlagert wird, allein um die Renditen zugunsten weniger Großaktionäre gewaltig zu steigern?
Es ist ein kalter Schlag und eine schreiende Ungerechtigkeit, wenn Top-Manager trotz verheerender Fehlentscheidungen im Management oder sogar trotz Betrug unverschämte Boni erhalten, und zugleich junge Menschen unzählige Bewerbungen für eine ersehnte Anstellung schreiben müssen und sich im besten Fall Zeitverträge für ein Jahr erhoffen müssen.
Bereits der Prophet Amos hatte vor 2750 Jahren die Handelsleute heftig gemahnt, weil sie „den Sabbat schnell hinter sich haben wollen, um Getreide mit gefälschten Gewichten zu hohen Preisen zu verkaufen“ (Am 8,5). Mit dem Abgas-Skandal ist also nichts Neues unter der Sonne!
Der 1. Mai ist ein Tag, an dem die soziale Ungerechtigkeit in der Wirtschaft zum Ausdruck gebracht wird. Die christliche Soziallehre betont, dass jeder Mensch ein Recht auf Arbeit unter würdigen Bedingungen hat, und dafür eine gerechte Entlohnung erhalten soll.
Es ordnet sich in dem Ruf vom Papst Franziskus nach Gerechtigkeit ein. Schließlich geht es immer wieder um die Würde des Menschen. Es geht darum, dass mehr Humanität und Ehrlichkeit in den Weltgeschäften beachtet wird.
Daran erinnert der Tag der Arbeit. Die Arbeit der Menschen ist schließlich als ein Beitrag zur Vollendung der Schöpfung zu verstehen, also als ein Gottes Werk, das durch Gier und Ausnutzung der menschlichen Kräfte nicht entwürdigt werden darf.
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach




