Geistliches Wort vom 29.03.2014
Geistliches Wort vom 29.03.2014
06.30 Uhr, auf dem Weg zur Arbeit. Es ist hell. Die Luft ist frisch. Etwas von dem Frühnebel ist an den Straßenhängen zu spüren. Die Feuchtigkeit der Nacht hinterläßt Spuren am Waldrand. Die Straße zeichnet Kurven in einer blühenden Landschaft. Der Frühling kommt jetzt zur vollen Entfaltung. Die Obstbäume sind wunderbar weiß gekrönt. Blumen und gelb-weiße Büsche bringen mir die Freude der morgigen Stunde entgegen. Im Rückspiegel, kein Verkehr hinter mir. Vorne auch nicht. Es ist eine seltene Gelegenheit der Einsamkeit, bevor die Turbulenzen des Arbeitstages ihren Lauf nehmen. Die Radiomusik spielt einen alten Schlager von der Pop-Gruppe Chicago: If you leave me now. Eine Musik, die an manchen Schmetterlinge im Bauch erinnert. Die Gedanken wandern in die Vergangenheit und projizieren zugleich in die Zukunft. Aber Moment! Ich bin in diesem Augenblick in meinem Wagen! Ich bin doch heute! So wie es gestern ein Heute gab und auch morgen ein anderes Heute geben wird. Ich bin doch jetzt im Mittelpunkt meiner Zeit. Der Mittelpunkt meiner Zeit wandert mit mir an meinem Leben entlang. Jede Stunde hier und jetzt ist für mich der Mittelpunkt der Zeit, ist Mittelpunkt meines Lebens.
An diesem Sonntag feiern wir die Mitte der Fastenzeit. Das ist der sog. Sonntag Laetare: Freuet euch! heißt es. Ja freue dich, wenn du deinen Mittelpunkt im Leben findest und daran festhältst. Er ist die Mitte deines Seins, dort wo die Seele im Gleichgewicht steht. Das Gleichgewicht hält die Spannung zwischen einer Vergangenheit der Nostalgie, die durch das Lied am Radio als Erinnerung bleibt, und einer Zukunft, die noch keine Musik hat.
Die Vergangenheit, gesät von schönen Gedanken, ganz greifbar und hier wieder belebt durch den alten Schlager, ist ein Teil von mir, aus dem mein Leben sich heute noch ernährt. Die Zukunft steht vor mir. Aber was ist mit dem Jetzt, in meinem Wagen, auf der einsamen Straße? Ich wünsche mir in dieser Stunde gut verankert zu sein, mit beiden Füßen auf dem Boden. Wir sind so oft innerlich gerissen, gestreckt zwischen Erinnerungen an die Vergangenheit und Vorstellungen für die Zukunft. Wir werden meistens schleichend vom Mittelpunkt weggetrieben, aus dem Gleichgewicht weggenommen. "If you leave me now, Sollst du mich verlassen, dann..." Ja, was dann? Dann werde ich nach außen geschleudert. Dann verliere ich den Boden unter den Füssen. Wo bleibt der Halt im Leben? Die Vergangenheit hilft mir nicht mehr. Was soll die Zukunft noch für mich bedeuten, wenn Krankheit, Trennung, Unfall, Sterben an meiner Tür anklopfen? Die Aussichtslosigkeit, vielleicht? Oder ihre Schwester, die Resignation? Mit beiden Einstellungen komme ich nicht weiter. So kann ich die Mitte nicht wieder finden.
Hier in dieser Frühstunde auf dem Weg zur Arbeit bringt die Natur mir eine eklatante Antwort: sie lebt mit den Wunden der Vergangenheit wie Dürre und Schädlingen, aber sie findet neue Wege für ein neues Leben. Sie findet an jedem Frühling ihre Mitte immer wieder neu. Das sind die Blüte des neuen Morgens. Auch ich, selbst "If you leave me now, selbst wenn es sogar im Sterben sein muß, selbst dann gebe ich nicht auf, Hoffnung zu haben. Dann bin ich heute wieder in der Mitte meines Lebens. Dort finde ich den Frieden im Herzen. Das ist eine vorösterliche Erfahrung: Frieden und Freude bewahren vor Enttäuschung und Traurigkeit. So kann ich heute auf morgen vertrauen, ohne gestern zu vergessen. Morgen wird die Sonne aufgehen, wie heute schön und strahlend durch den Schleier des Frühnebels. Der neue Tag wird wieder die Mitte meiner Zeit sein. Jeder Stunde an jedem neuen Tag wird die Mitte meines Lebens sein.
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach




