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Geistliches Wort vom 28.06.2014

 

Geistliches Wort vom 28.06.2014

Nicht abstumpfen

Vor drei Wochen wurde nach der Vorabendmesse in der Kirche St. Sebastian am Marktplatz zu Mannheim eine eucharistische Andacht gefeiert, die von jungen Menschen der Nightfever-Gruppe (Details im Internet) mit Texten, Gedichten, Gebeten, modernen meditativen Liedern gestaltet wurde. Viele Menschen, jung und alt, auch Kinder mit Eltern, kamen, beteten, sangen, blieben eine Weile, waren in ihren Gedanken versunken. Zu den dort versammelten Christen kamen auch Menschen moslemischen Glaubens, zündeten Kerzen an, blieben andächtig und respektvoll vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Die Gemeinschaft der glaubenden und betenden Menschen über die Konfessionen und die Religionen hinaus war ergreifend. Es dauerte einige Stunden und war doch so kurzweilig. Immer wieder gingen neue Menschen in diese betende Kirche ein und aus.

Diese Begegnung der Geister macht Mut, spendet Freude und Hoffnung. Nein! Der Mensch ist nicht verloren, verdorben, nur egoistisch und nur materialistisch denkend. Solche Erfahrungen wie erzählt zeigen, daß der Mensch sich wohl für tiefgreifende Lebenswerte bewegen läßt.

Die Kinder können diese innere Einstellung gut ausstrahlen, ohne Masken, ohne Hintergedanken. Jesus lädt ein, wie Kinder zu sein. Das ist eine beliebte Schriftlesung bei den Taufen. Das bedeutet nicht, sich wie Kinder zu verhalten, auch nicht wie ein Kind zu glauben. Im Gegenteil muß glauben wachsen, nicht in den Kinderschuhen bleiben, sondern sich aus Erfahrungen, ja aus inneren Kämpfen entwickeln. Es heißt viel mehr, sich wie Kinder wundern und fragend durch das Leben gehen. Der Mensch soll ein suchender Mensch sein, der die Fähigkeit nicht verliert, sich ständig zu wundern, sich immer wieder für Glauben und Leben zu begeistern. Also kein abgestumpfter, desillusionierter, resignierter Mensch, sondern einer, der Feuer und Flamme fangen kann, selbst im hohen Alter.

Wir sollen die flammenden Augen der Kinder, das brennende Herz der Jugendlichen und den klugen, realistischen Kopf eines erfahrenen Älteren besitzen. Vorurteile abbauen, neue Wege wagen, sich innerlich berühren lassen, gesunde Emotionen durchleben ist befreiend, bewegt Gedanken und Gemüte. So wenn ein Kind zum Taufstein gebracht wird. So wenn zwei jungen Menschen sich das Ja-Wort einander versprechen. So wenn in einer Gebetsstunde eine Kerze angezündet wird und ein stilles Gebet ausgestoßen wird. So wird das Leben Konturen annehmen und nicht mehr eine Folge von Tagen sein, die sich einfach und farblos aufeinander reihen.

Nichts ist trauriges als ein abgestumpfter Mensch, der alle Illusionen verloren hat, der nicht mehr hoffen kann, der nicht mehr glaubt, daß Träume Realität werden können.

Mögen wir in dieser Zeit, wenn die Renditen und der Dax wichtiger als menschliche Beziehungen scheint, wenn I-Phones das Herz ersetzen, wenn die Phantasie nicht mehr zugelassen wird, ja mögen wir nicht abstumpfen, still und stumm bleiben.

Jeder begeistert sich für die Fußball-Weltmeisterschaft, für einen Traum, der morgen Wirklichkeit werden kann: weiter kommen, bis ganz oben. Wir begeistern uns heute für die Fußballspiele, die 90 Minuten dauern. Warum sollen wir uns für das Leben, das meistens mehr als 60 Jahre dauert, auch nicht begeistern? Es geht nicht darum, wie ein Träumer  realitätsferne durch das Leben zu gehen. Viel mehr geht es darum nicht unsensible, eben nicht abgestumpft, mit beiden Füßen durch den Alltag zu schreiten, wissend, daß unser Leben wohl einen Sinn hat, der sich nicht nur durch uns selbst, sondern durch die Bedeutung und die Würde unserer Mitmenschen definiert.

Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach