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Geistliches Wort vom 28.03.2015

 

Geistliches Wort vom 28.03.2015

Wer hat dieses Gefühl nicht einmal erspürt: am Strand zu stehen, früh morgen oder beim Sonnenuntergang, blickend auf den Horizont an der Grenze zwischen Himmel und Meer, fragend, was dahinter ist, wo führt es hin, was da verborgen bleibt? Oder nach einem anstrengenden Aufstieg auf dem hohen Berg die aufreihende Gipfelkette in der Ferne bewundernd, der innere Wunsch immer da zu bleiben, selbst Stein unter den Steinen zu werden.

In beiden Fällen sitzt eine Sehnsucht nach einer Vollendung, nach einer Harmonie, die zutiefst nur Frieden sein kann. Es ist eine Sehnsucht, in die wunderbare Natur ganz aufgenommen zu werden, sich in dieses Meer der Eindrücke aufzulösen, für immer, weil die Zeit jegliche Bedeutung verloren hat. Es ist die Sehnsucht, eins mit der ursprünglichen Schöpfung zu werden. Die innere Einstellung wird von Frieden und unfassbarer Ausgewogenheit geprägt, und dennoch verbirgt sie innere Unruhe. Was ist hinter dem Horizont? Land? Sturm und Wind? Was kommt auf einem zu, wenn das Festland verschwindet und es nur noch das Meer gibt? Oder wie kommen wir vom Berggipfel herab? Hält das Wetter? Da bleiben, wo wir sind, können wir nicht. Ins Heute können wir nicht bleiben. Wir müssen weiter, durch das Leben immer weiter gehen, auch fallen, dann aufstehen und weiter gehen, zum nächsten Horizont hin. So wie das Lied von Udo Lindenberg: „Hinter dem Horizont geht ´s weiter“.

Eine ähnliche Stimmungslage prägen die heutigen Tage an der Schwelle zur Karwoche. Zuerst das Jubeln an den Toren der heiligen Stadt Jerusalem, dann die Nüchternheit der nächsten Tage bis zum Sturm am Karfreitag.

Manchen werden meinen, niemand kann seinem Schicksal entgehen, Jesus auch nicht. Nicht um Schicksal geht es hier, sondern darum, daß das Herz das ganz erfasst, wonach es sich ersehnt hat. So auch das Herz Jesu auf dem Weg nach Jerusalem. Mit ihm haben alle sich gefürchtet. Alle haben gewußt: beim Hosianna-Ruf bleibt es nicht, es wird ein starker Sturm kommen, der alle in den Abgrund zieht. Aber das Herz hat stärkere Worte vernommen: Geh deinen Weg und bleib der Verheißung der Gottes Liebe treu, Liebe für alle, selbst für die Peiniger. Denn die Liebe ist stärker als der Haß, mächtiger als der Tod.

Wenn der Blick die Unendlichkeit des Ozeans zu erfassen versucht, wenn die Augen sich an die fast übernatürliche Schönheit der Gipfelketten nicht satt genug schauen können, wenn das angeschwollene Herz so viel Platz in der Brust nimmt, dann spüren wir, daß hinter dem Horizont noch etwas ist, das uns unausweichlich anzieht. Es gleicht einer Brieftaube, die auf ihrer Reise von Zeit zu Zeit rastet und immer wieder getrieben wird, ihren Flug erneut aufzunehmen und weiter zu ziehen.

Wenn in unserem Leben ähnliche Tage der Erprobung auf uns zukommen, wenn Sturm und Unwetter das Weitergehen bedrohen, sollen wir an die ursprüngliche Sehnsucht denken, die unseren Lebensweg prägt und uns in Bewegung setzt. Schließlich ist diese Sehnsucht nichts anderes als die Suche nach vollkommener Liebe, die nicht von Menschen kommen kann, sondern uns allumfassend geschenkt ist, von dem, den wir Gott nennen.

Der Wille, den Berggipfel zu erreichen, den Horizont immer weiter nach hinten zu schieben, und nicht auf der Stelle zu strampeln, ist die Kraft, die uns durch den Karfreitag unseres eigenen Lebens hindurch führt.

Geh weiter auf deinen Weg, geh über deinen Horizont hinaus, geh der Liebe und dem Frieden entgegen, trotz Dunkelheit und Gewitter, trotz Leiden und Verzweifelung. Einer geht mit dir, der ähnliches am  Kreuz erlebt hat. Er weiß, wie schwer es dir geht. Hinter dem Horizont leuchtet das Osterlicht, ein neues Licht des Lebens und der Liebe.

Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach