Es lebe der König
Geistliches Wort 23.11.2019
Es lebe der König
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Der Ruf „Dem König langes Leben“ ist in den meisten Ländern der Welt nicht mehr aktuell. Das Konzept der Monarchie aus Gottes Gnade gehört einer Vergangenheit an, die damals noch mit dem Absolutismus verbunden war. Die Zeit der Aufklärung hat die Macht der Krone gestürzt. Die Demokratie und die Stimme des Volkes im Parlament bilden die heutige Grundlage des politischen Lebens. Dennoch begeistern manche Menschen sich immer wieder für Krone und Prunk. Das britische Königshaus interessiert noch viele: für Hochzeiten, für Geburten, auch für Familienskandale.
Wenn der königliche Glanz das Augenmerk lenkt, ist er doch nicht für die Ewigkeit gemacht. Der König übt seine Macht nur auf Zeit. Vor der Ewigkeit wird er jedem Sterblichen gleichgesetzt. Die Ewigkeit, das ist ein unvorstellbarer Begriff, ohne Weite und ohne Zeitbezug. Vor diesem Geheimnis muss der mächtigste König, selbst der stärkste Herrscher der Welt, seine Grenzen und seine Ohnmacht bekennen.
Beide großen christlichen Kirchen feiern mit unterschiedlichen Akzenten das Ende vom Kirchenjahr, da nächste Woche bereits die Adventszeit beginnt. Katholiken feiern Christkönig, Evangelischen feiern den Ewigkeitssonntag und gedenken ihren Verstorbenen. Beide Begriffe sind jedoch nicht weit auseinander. In einer Krippe wird ein König geboren, der in die Ewigkeit führt. Anders als erwartet wird der König kommen: arm und demütig statt mächtig und herrschend. Dieser König wird später in die Heilige Stadt Jerusalem einziehen, um kurz danach an einem Kreuz erhöht zu werden. Er wird in die Ewigkeit gehen, die uns verheißen ist. Er hat es deutlich formuliert: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Wo ist sein Reich? In dem Kosmos oder hinter den Sternen? Sein Reich ist in unserem Herzen, wie die Rose vom Kleinen Prinz bei dem Schriftsteller St. Exupéry. Ein König der Herzen, also? Ganz befremdlich ist dieser Gedanke nicht, denn dieser König hat in seinem Regierungsprogramm ein einziges Wort: Liebe! Liebt einander, wie ich euch geliebt habe (Joh 15,12). Die Liebe ist die einzige Währung, die allen Zeiten, allen Regierungen und Reichen übersteht. Die Liebe ist das Einzige, das nach dem Tod erhalten bleibt. Die Liebe gehört zur Ewigkeit. Die Liebe sammelt keine Güter, sie verschenkt sich. Was wir sammeln, vergeht. Was wir Anderen schenken, wie Zuwendung, Unterstützung, Recht und Würde, bleibt auf ewig.
Unsere Denkweise ist pragmatisch, von Logik geprägt. Im verheißenen Reich der Gottes Liebe wird alles umgedreht. Die Letzten werden die Ersten. Die Armen haben den Vorrang vor den Wohlhabenden. Macht und Ansehen sind nicht von Dauer. Selig, die arm vor Gott sind und keine Gewalt anwenden. Denn ihnen gehört das Himmelreich (Mt 5, 3-12).
Dieser Jesus, der am Tor Jerusalem als König gefeiert wird, reitet auf einer Eselin (Mt 1,5). Er reitet durch die schmale Tür des Leidens, der Verachtung und des Todes, um schließlich das Tor zur Ewigkeit zu betreten. Was für ein surrealistisches Bild außerhalb aller menschlichen Logik und abseits von allem Verstande!
Es tut heute not, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Im Reich Gottes zählt nur was wir mit den Mitmenschen geteilt haben, ob Brot, Vertrauen und Lachen, Leid und Liebe. Das hat Bestand und dauert für die Ewigkeit.
Pierre Gerodez, Diakon, Laudenbach




